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Zur Einführung in das Thema wird daher Urgeschichte zunächst aus der Perspektive einer mitteldeutschen Lokalregion vorgestellt:

Das Gebiet des Werratals – Siedlungsraum seit der frühen Steinzeit

Zunächst einige Vorbemerkungen: Unsere stammesgeschichtliche Entwicklung begann auf dem afrikanischen Kontinent. Dort lassen sich zwischen ca. 6 und 4 Millionen Jahren vor heute noch die Reste affenähnlicher, aber bereits schon aufrechtgehender früher Vorfahren des Menschen (Gattungen Orrorin, Ardipithecus und Australopithecus) nachweisen.

Das Auftreten des Menschen wird mit dem Beginn kultureller Fähigkeiten, speziell mit der Herstellung von Steinwerkzeugen (erstmals vor ca. 2,6 Millionen Jahren in Ostafrika belegt) in Verbindung gebracht, obwohl zumindest heutige Menschenaffen, aber auch andere Tiere gelegentlich Werkzeuge benutzen bzw. im Fall von Schimpansen sogar einfache Werkzeuge herstellen. Die ersten Menschenformen Homo habilis und Homo rudolfensis und auch der nachfolgende frühe Homo erectus stellten zwar schon bereits nach bestimmten Mustern vorgeplante, aber doch noch sehr einfache Steingeräte her, welche sie zum Ausweiden von Beutetieren, für einfache Holzarbeiten und wohl auch zum Schneiden von Pflanzen oder Gräsern benutzten (Zeitabschnitt ALTPALÄOLITHIKUM = Ältere Altsteinzeit).

Nach bisherigem Kenntnisstand dehnten die Frühmenschen ihren zunächst auf Afrika beschränkten Lebensraum erstmals vor knapp 2,0 Millionen Jahren nach Norden - zunächst bis Vorderasien aus. Später im Zeitraum vor etwa 1,5 bis 1,0 Millionen Jahren kam es zu einer weiteren Ausbreitung nach Südasien aber auch in den Mittelmeeraum hinein mit einer Erstbesiedlung Südeuropas.

Die relativ späte Erschließung Mitteleuropas als Lebensraum durch den Frühmenschen schien mit der Entdeckung des berühmten Knochenfundes des Homo heidelbergensis von Mauer (Baden-Württemberg) in etwa 500-600.000 Jahren alten Neckarsanden vor nunmehr fast hundert Jahren neben weiteren Nachweisen seiner kulturellen Hinterlassenschaften anderenorts ein unumstößliches Paradigma zu sein.

Seit einigen Jahren bestehen jedoch ernstzunehmende Indizien einer weiter zurückliegenden Erstbesiedlung Europas nördlich der alpinen Hochgebirgszone. In England (Pakefield), aber auch in Deutschland (Dorn-Dürckheim) konnten stratifizierte Funde gemacht werden, welche 700-800.000 Jahre alt sind und ein bereits postuliertes hohes Alter früherer Entdeckungen bei Großenbach (Haunetal) oder am mittleren Rhein stützen.

Im Werratal kam es erstmals 1991 im Bereich der markanten Werraschleife bei Harnrode zu einer ähnlichen Entdeckung: Unter oberflächlich hervortretenden Resten von Flussablagerungen, deren Alter mehr als 1 Million Jahre betragen muss, befanden sich Steinwerkzeuge der frühen "Homo erectus-Zeit". Sie weisen durch das Vorkommen bestimmter Werkzeugtypen auf ehemals nahe an der Ur-Werra gelegene Lagerplätze von Frühmenschen hin.
In den vergangenen Jahren konnten noch weitere Fundstellen an der Werra mit möglicherweise mehr als 800.000 Jahre alten Steingeräten, welche zum Teil aus meterdicken alten Flussablagerungen stammen, entdeckt werden. Die wissenschaftliche Anerkennung der Fundstücke ist jedoch nicht einheitlich.
Dass in bestimmten Zeitabschnitten damals in unserer Region ein Klima und eine Tierwelt vergleichbar mit der heutiger afrikanischer Savannen herrschte, belegen ca. 1 Million alte Tierreste weiter flussaufwärts bei Meiningen.
Die Anwesenheit von Flusspferd, Nashorn, Elefant, Gepard, Hyäne, Säbelzahnkatze sowie anderen Arten an diesem Fundplatz bezeugen neben einem deutlich wärmeren Klima gegenüber heute eine Tiervergesellschaftung, welche der früher Urmenschen Afrikas ähnelt.

Im mittleren Eiszeitalter (Mittelpleistozän) ist die Anwesenheit von Menschengruppen der späten "Homo erectus-Zeit" (ca. 600.000-300.000 Jahre vor heute) in der hiesigen Region durch Funde der frühen und entwickelteren Faustkeilkultur (Alt- und Mittelacheuléen) durch z.B. die Fundserien von Oberaula-Hausen, Ziegenhain, Rörshain und Lender- scheid (Schwalmtal) sowie durch Einzelfunde an der Fulda und im Haunetal belegt. Ein faustkeilartiges Gerät aus vulkanischem Gestein von Philippsthal gehört vielleicht wie auch einzelne Quarzabschläge von alten Talbodenresten der Werra aus dem mittleren Eiszeitalter in die Frühzeit dieser Phase. Die Menschenfunde dieser Zeit in Mitteleuropa werden einerseits noch dem Homo erectus, andererseits aber schon einer neuen Menschenart dem Homo heidelbergensis zugewiesen.
Sensationelle Funde vom Rand des Harzes (Schöningen) zeigen, dass der Mensch dieser Zeit bereits Speere als Fernwaffe für die Jagd herstellen konnte, welche heutigen Wettkampfspeeren schon ähnlich sind. Aus einer späteren Phase dieses Zeitraums könnte auch noch der Fund eines gröberen keilartigen Messers aus scharfem, glasartigem Hornstein von einer alten Flussterrasse der Werra nahe Gerstungen stammen.

Auch aus der nun folgenden Zeit des frühen und entwickelten Neandertalers (Homo neandertalensis) gibt es im Werratal bislang nur wenige Siedlungsbelege gegenüber reichhaltigeren Zeugnissen seiner materiellen Kultur aus der angrenzenden Niederhessischen Senke, dem Thüringer Becken sowie wenigen Einzelfunden aus dem Fulda- und Haunetal.
So ist ein einzelner dreieckiger Feuersteinschaber aus einer Lößschicht bei Treffurt an der Werra, welcher zusammen mit Tierresten von eiszeitlichen Huftieren und dem Mammut (Jagdbeute ?) bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entdeckt wurde, möglicherweise hierzu zu zählen. Wissenschaftliche Grabungen wurden damals leider nicht durchgeführt. Einige retuschierte Abschläge aus Flint (Feuerstein) aus dem Raum Obersuhl und Gerstungen sowie einzelne Quarzgeräte bei Mihla und Dankmarshausen (Oberflächenfunde) gehören vielleicht ebenfalls in das MITTEL- PALÄOLITHIKUM (Mittlere Altsteinzeit, ca. 300.000 – 40.000 Jahre vor heute).


Altpaläolithische Artefakte von der Werra


Die frühe Anwesenheit des modernen Menschen (Homo sapiens) im Werratal wird eindrucksvoll durch den Schädelrest einer Frau (siehe Bild rechts) aus Flussab- lagerungen der letzten Eiszeit (Niederterrassenschotter, mutmaßliches Alter > 10.000 Jahre vor heute) bei Heringen belegt. Einem zweiten vollständigeren Schädel, welcher 1950 nach Hochwassern der Werra im Uferbereich bei Philippsthal entdeckt wurde, kann aufgrund einer eigentümlichen wohl intentionellen entstandenen und nur noch teilweise vorhandenen Umkleidung mit einer hauchdünnen Schicht einer Kupfer- legierung entgegen anfänglichen Spekulationen nur ein wesentlich geringeres Alter von höchstens 200 Jahren zugewiesen werden. Kulturelle Hinterlassenschaften des eiszeitlichen modernen Menschen - zu dem auch wir stammesgeschichtlich gehören - liegen aus dem Werratal in Form bereits technisch sehr entwickelter Steingeräte des sogenannten JUNGPALÄOLITHIKUMs (Jüngere Altsteinzeit) aus dem Raum Merkers, Bad Colberg (Raum Meiningen), Gerstungen und Lauchröden (südl. Herleshausen) vor. Sie stammen aus der Endphase der letzten Eiszeit - einem Zeitraum vor etwa 17.000 bis 10.000 Jahren.

Auch in der darauf folgenden Mittelsteinzeit (MESOLITHIKUM, ca. 8.000 - 5.500 v. Chr.) war das Werratal, wie fast ausschließlich Steinwerkzeugfunde bezeugen, besiedelt. Es ist eine Epoche der Menschheit, in welcher der Fischfang eine sehr große Rolle in den Ernährungsgewohnheiten des Menschen spielt, wie der großartige Fund einer aus einem Geweih herausgearbeiteten Harpunenspitze aus der Nähe von Immelborn bei Bad Salzungen eindrucksvoll belegt. Weitere Funde von steinernen Pfeilspitzen, Einsätze für hölzerne und beinerne Schäfte sowie verschiedene Kleinwerkzeugen für die Bearbeitung von Hölzern und Tierhäuten sowie für diverse Schneidearbeiten liegen von Jüchsen und 3 weiteren Fundorten in der Nähe von Meiningen, vom Oberlauf der Ulster und auch aus dem Raum Eschwege vor.
Funde anderenorts zeigen auf, dass die Entwicklung der Vorratshaltung einen immer größeren Platz in den Überlebensstrategien des damaligen Menschen spielte. Dennoch lebte er weiter als Jäger- und Sammler, wohnte noch in zeltartigen Behausungen und zog je nach lokalem Wildreichtum, Jahreszeiten und Klimawechsel immer wieder weiter und kam möglicherweise erst nach Jahren wieder an einen der vorbekannten Orte zurück.

Erst in der Jungsteinzeit (NEOLITHIKUM, ca. 5.500 - ca. 1.800 v. Chr.) wurde der Mensch sesshaft und errichtete sich hierfür stabilere Holzhäuser sowie Ställe für Nutzvieh, um sich so eine beständige Quelle von Nahrungsmitteln schaffen. Zusätzlich führte der Anbau von Getreide verbunden mit Vorratshaltung zu größeren existenziellen Sicherheiten und überbrückte Phasen einer weniger erfolgreichen Jagd. Die menschliche Ökumene hatte sich bereits in diesem Zeitraum schon fast über die ganze Erde verbreitet. Das Werratal mit seinen siedlungsgünstigen Talweitungen zwischen Heringen und Gerstungen sowie um Eschwege, wurde gleichermaßen wie auch schmalere Talniederungen bei Dorndorf, Kieselbach, Tiefenort und Hämbach bevorzugt. Es sind aber auch Höhenlagen bei Vacha, östlich Wasungen und zwischen Römhild und Hildburghausen am Oberlauf der Werra genutzt worden. Dies belegen die dortigen zahlreichen Funde von Steinäxten und Steinbeilen. Sie sind typischerweise fein geschliffen und für die Befestigung eines Holzschaftes gelegentlich sogar durchbohrt, wie auch der bereits 1886 gemachte Fund einer Steinaxt von Philippsthal und auch die 1952 bei Baggerarbeiten an der Werra geborgene Steinaxt von Röhrigshof zeigen. Von einigen Fundorten liegen auch Feuersteinwerkzeuge, Pfeilspitzen und diverse Tonscherbenreste von Behältern und größeren Bechern vor. Dabei sind Funde des Altneolithikums (ca. 5.500 – 4.200 v. Chr.), welche zur Bandkeramischen Kultur (Linienbandkeramik) und Rössener Kultur zu zählen sind bislang auf Oberlauf und mündungsnahen Unterlauf beschränkt, während Belege des Jung- und Endneolithikums ( ca. 4.200 – 1.800 v. Chr.) wie der Michelsberger Kultur (Vacha) und der Becherkulturen auch im mittleren Flussabschnitt nachgewiesen sind.

Die Jungsteinzeit geht mit der Entdeckung und zunehmenden Verwendung der Bronze - einer harten Legierung des Kupfers mit Zinn sowie anderen Metallen - zu Ende. Ein neues Zeitalter mit ganz anderen technischen Möglichkeiten und damit einhergehend neuen gesellschaftlichen Veränderungen beginnt …..!

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Abbildungs- und Literaturnachweis:
Fiedler, L. (1997): Jäger und Sammler der Frühzeit. Vor- und Frühgeschichte im Hessischen Landesmuseum in Kassel. Staatliche Museen Kassel.
Fiedler, L. (1993): Altpaläolithische Oberflächenfunde in Hessen. Archäologie in Deutschland 10 (1), 47-48, Theiss-Verlag, Stuttgart.
Gall, W. (1994): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Südliches Thüringen, Bd. 28, Theiss-Verlag, Stuttgart.
Jacobshagen, E. (1954): Ein eiszeitlicher Menschenfund aus Nordhessen. Z. Morph. Anthrop. 46 (3), 400-403, Stuttgart.
Landeck, G. (1997): Steingeräte aus altpleistozänen Werraterrassen. Archäologisches Nachrichtenblatt 3 (2), 267-276, Akademie-Verlag, Berlin.
Landeck, G. (1997): Altpaläolithikum aus dem mittleren Werratal. – In: Fiedler, L. (Hrg.), Archäologie der ältesten Kultur in Deutschland, 79-86, Verlag LfD Hessen, Wiesbaden.
Sippel, K. (1989): Zur Vor- und Frühgeschichte unserer engeren Heimat. Unveröffentlichtes Manuskript, Lohfelden-Vollmarshausen.
Unveröffentlichtes Bildmaterial, G. Landeck, Bad Hersfeld



Schädelteil des Eiszeitmenschen v. Heringen/Werra (Kr. Hersfeld-Rotenburg)

Altpaläolithikum Werratal


Jungpaläolithikum/Mesolithikum Werratal


Neolithikum Werratal


Schädelteil des Eiszeitmenschen v. Heringen/Werra (Kr. Hersfeld-Rotenburg)


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